30.03.2004 17:02

 

Die Lichter gehen auf und die Vorurteile über Bord
 
Würzburg Was macht das Theater Chambinzky nach dem Kassenknaller "Schweig Bub!"? Es geht aufs Glatteis. "Schmetterlinge sind frei" heißt die neue Produktion, eine Komödie im Geiste Hollywoods von Leonard Gershe, 1972 mit Goldie Hawn verfilmt.
 
Don (Ullrich Reuscher), ein junger Mann, blind, ist vor der tyrannischen Liebe seiner Mutter (Brigitte Miebach-Schrader) getürmt. Jetzt wohnt er alleine, in wenig vornehmer Gegend, aber befreit. Eine dünne Tür trennt ihn von seiner Nachbarin Jill (Katharina Ries), 19, hübsch, charmant, aber oberflächlich und unreif. Erst fällt ihr seine Blindheit nicht auf, dann prallt sie vor ihr zurück. Für ihn ist Blindsein nichts Besonderes, er ist's sein ganzes Leben lang. Umgehend findet sie ihn ganz toll; die beiden landen wenige Bühnenminuten nach der ersten Begegnung im Bett.

Fürsorgliche Belagerung

Auftritt Mutter, sie platzt ins traute Tête-à-tête. Sie entsetzt sich über Jill, die Wohnverhältnisse, die Umstände. Don, fordert sie, soll wieder zu ihr ziehen. Sehr strikt, sehr bestimmt redet sie auf das Mädchen ein, es sei nichts für Don, es werde ihn nur verletzen. Jill hält dagegen: Die fürsorgliche Belagerung der Mutter raube dem Sohn das Selbstbewusstsein.

Der Konflikt ist gewürzt mit ein bisschen Abgründigkeit. Dons Mutter quält ihren Sohn mit Geschichten vom kleinen blinden Donnie Dark, einer Kinderbuchfigur, die sie erfunden hat, die jedes Abenteuer mit Bravour besteht. Jill hat eine Mutter, die freigebig und unverbindlich liebt; also leidet Jill unter Bindungsängsten.

Was bis zur Pause noch nicht platt ist, wird nach der Pause platt gemacht. Jill sieht ein, dass sie nicht gut ist für Don und tut, als liebte sie nun Ralph (Christian Hörauf). Don, verletzt, sieht ein, dass das Leben in Freiheit nichts für ihn ist und will heim zur Mama. Die aber hat eingesehen, dass sie ihrem Sohn das Selbstbewusstsein nimmt. Jetzt will sie, dass er alleine lebt. Daraufhin erkennt Don, dass Jill in Wirklichkeit ihn liebt. Das erkennt auch Jill und kehrt zu ihm zurück.

Geballtes Einsichtsvermögen

Im Minutentakt gehen Lichter auf und Vorurteile über Bord. Wer hat jemals schon so viel geballtes Einsichtsvermögen erlebt?

Möglich, dass "Schmetterlinge sind frei" als schrille Persiflage funktioniert, mit überkandideltem Personal, das sich selbst ad absurdum führt. Aber Regisseurin Gwendolyn von Ambesser lässt ihr Ensemble realistisch agieren. Das geht tüchtig zur Sache, teilt gewitzt und schlagfertig aus, und am Spiel von Reuscher, Ries und Miebach-Schrader ist nichts zu mäkeln. Aber es sind simple Figuren, um ein bis zwei Lebensdimensionen beraubt. So einfach gestrickt, so ums Happy End bemüht und fern jeder Lebenswirklichkeit, ist das Stück eine harte Probe.

Trotzdem: Viel Applaus des Premierenpublikums, der die Leistung der Schauspieler würdigte.

Weitere Aufführungen am heuti-
gen Mittwoch, 31. März, sowie
von 1. bis 4. April (bis 24. April auf
dem Spielplan). Karten gibt's unter
Tel. (09 31) 5 12 12

 
Von Wolfgang Jung