Musikliebhaber ist er nicht gerade, Friseurmeister
Wuttig. Vor allem
Klaviergeklimpere kann er nicht abhaben. Ganz besonders nervös
macht ihn
Liszt - und das vor allem dann, wenn seine Wohnungsnachbarin, eine
begnadete
Pianistin, wie alle außer ihm finden, Liszt zum Besten gibt. Aber
bringt man
deswegen gleich jemanden um?
"Scherenschnitt" heißt die 1963 verfasste Kriminalkomödie von Paul
Pörtner,
bei der das Publikum fleißig mithilft, den Mörder versus die
Mörderin zu
finden. In einer turbulenten Inszenierung von Regisseurin
Gwendolyn von
Ambesser, die Pörtners inzwischen mehr als 40 Jahre alte Vorlage
kräftig
entstaubt und aufgepeppt hat, bringt das Würzburger Theater
Chambinzky das
witzige Täter-Suchstück auf seine von Sandra Haut liebevoll und
detailgetreu
(bis hin zum schweinchenrosa Friseurumhang) ausgestattete, von
Johannes
Schmidt ausgeleuchtete Bühne.
"Scherenschnitt" ist ein Wagnis, denn: Macht das Interaktivität
ungewohnte
Publikum tatsächlich bei der Mördersuche mit? Schließlich hängt
vom
Engagement der Theaterbesucher alles ab, was nach der Pause
passiert. Beim
Premierenabend am Freitag ging von Ambessers Regiekonzept
wunderbar auf. Es
brauchte lediglich einen ersten "Eisbrecher". Dann kam das
Publikum in die
Gänge - und lief bald "heiß".
Die ratefreudigen Zuschauerinnen und Zuschauer ließen sich nichts
vormachen
von den blendend aufeinander eingespielten Akteuren in Wuttigs
Frisiersalon,
die sich gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben versuchten.
Fragen
werden gestellt, Lebensgeschichten herausgekitzelt - und
verblüffende
Entdeckungen gemacht. Denn Abgründe tun sich bei jedem einzelnen
auf, der
zur Tatzeit im Mordhaus war. Jeder ist verdächtig, jeder hat
"Dreck am
Stecken", jeder mindestens eine Leiche im Keller. Und der
Frisiersalon, in
dem zu Spielbeginn harmlos politisiert wurde, verwandelt sich in
einen
Spannung geladenen, sozialen Nahraum, der nicht nur einmal zur
Kampfarena
mutiert.
Wernher von Schrader als Kriminalkommissar versteht es geschickt,
die
lebhaften Kriminalistinnen und Kriminalisten im Publikum zu
koordinieren,
auf dass am Ende der Mörder (oder die Mörderin?) enttarnt werden
kann. Hier
und da könnte von Schrader sogar noch ein wenig zynischer, noch
ein wenig
aasiger zu der "Bagage" sein, die mit abenteuerlichen Ausflüchten
aufwartet,
um bloß aus dem Kreis der Verdächtigen treten zu können.
Witzig vom ersten Moment an Dietmar Modes als hemdsärmeliger,
nicht gerade
von der Muse beseelter Friseur Leo Wuttig. Der Meister versüßt
sich seine
Frisierarbeit, ganz wie in alten Zeiten, damit, Statements zum
Lauf der Welt
und Kommentare zu seinem persönlichen Sein abzugeben. Sein
Widerpart ist
Sophia Mix als eitle, sich selbst zum Vamp stilisierende
Salonmitarbeiterin
Elisa Pittig, die nicht nur beim Thema Musik für bissige
Meinungsverschiedenheiten zwischen sich und ihrem Chef sorgt.
Elisa ist in
Mix' Rollenausdeutung eine schillernde Figur, der man vom ersten
Moment an
zutraut, nicht ganz unschuldig zu sein an dem Geschehen im
Mordzimmer über
dem Friseursalon, wie sie zu sein vorgibt. Julian Freytag als
Elisas
Geliebter Alex Laurin gibt einen weiteren, schmierig-dubiosen
Verdächtigen
ab. Großes Lob verdient Mo Marten, die die Kundin Hedwig
Wundhammer mit
unaufgesetztem Selbstbewusstein ausstattet. Nichts kann Hedwig
etwas
anhaben. Selbst als ihre kleptomanische Neigung aufgedeckt wird,
reagiert
sie Achsel zuckend, resolut und "cool". Wuttig, dieser
"Korinthenkacker",
solle sich nicht so haben... Julia Gensthaler als
Kriminalassistentin
"Harry" Butz hält sich dezent im Hintergrund, wobei sie das
Publikum
geschickt auf kleine Details zu lenken versteht, die der
Aufmerksamkeit bei
der Mördersuche wert sind.
"Scherenschnitt" ist ein Stück, das dazu verlockt, es sich zweimal
anzuschauen. Um auch wirklich kein Detail zu verpassen. Und die
Tätersuche
beim zweiten Mal womöglich in eine ganz andere Richtung zu lenken.
Pat Christ