Vom Glück im ewigen Eis

»Ramper« im Würzburger Theater Chambinzky

Es ist ein ehrgeiziges Unterfangen, ein expressionistisches Stück, das lange vergessen war, wieder auf die Bühne zu bringen: »Ramper« von Max Mohr, uraufgeführt 1925, handelt von einem Menschen, der den Menschen entflieht; im ewigen Eis, wo der gestrandete Polarforscher dasSprechen verlernt hat, findet er zu sich. Die »Errettungsversuche« anderer dienen nur dazu, deren Eigennutz zu befriedigen: Ein Varietékünstler stellt den scheinbar Willenlosen als einträgliche »Tiermensch«-Attraktion ein, verkauft ihn an einen Psychiater, der ihn für Experimente benutzt,um seine Macht über Menschen zu demonstrieren; und die Frau braucht Ramper als Geliebten, um dem Ehemann zu entkommen.

Dass Ramper am Ende wieder nach Grönland will, verwundert nicht. Doch diese symbolischen Handlungen und Figuren auf der Bühne von heute glaubhaft darzustellen, ist schwer. Reinhard Mahlberg ging im Würzburger Theater Chambinzky das Wagnis ein, dieses Stück des 1891 in Würzburg geborenen jüdischen Arztes und seinerzeit erfolgreichen Autors von Dramen und Romanen zu inszenieren; Max Mohr emigrierte 1934 nach Shanghai und starb dort 1937. Seine Werke wurden unter den Nazis verboten; danach erinnerte man sich kaum mehr an ihn. Mahlberg will das ändern. Irgendwie aber schienseine Regie das Groteske, das durchaus auch im Stück steckt, zu sehr ins Lächerliche zu ziehen, vielleicht um es publikumsfreundlicher zu gestalten. Und dadurch ging das Gleichgewicht zwischen Ernst und Unterhaltung verloren – etwa beim allzu langen Tauchen des Kopfes unter Wasser.

Mit »Menschendreck« abschließen

Dabei geht es ernst und sinnvoll stilisiert los. Ramper, von Rainer Appel präzise, beherrscht, kühl distanziert und von Emotionen weitgehend unberührt gezeichnet, steckt bis zum Kopf ebenso wie sein Maschinist Ipling (allzu freundlich-verbindlich: Helmut Mahsberg) im ewigen Eis, geschickt angedeutet durch weiße Tücher und bläuliches Licht. Beide wollen abschließen, »Menschendreck« vergessen. Der Maschinist wird mit einem Schuss vom Leben erlöst. Fast übergangslos schließt sich die nächste Szene an – zeitliche Abstände werden erst im Nachhinein klar –, und Ramper befindet sich, stumm und starr geradeaus blickend, im Varieté als Tiermensch. Er soll Chocolat, dem triebhaft-primitiven Supermann und exotischen Artisten (Gaspar Ochoa-Ruiz), und seiner sehr attraktiven, launischen und kühl kalkulierenden Frau Zizi (kokett und berechnend: Britta Schramm) viel Geld einbringen.

Vergebliches Suchen nach Nähe

Dieser Gewinn kann noch gesteigert werden durch den Verkauf von Ramper an den verrückten Psychiater Barbazin; Thorsten Rock musste ihn mitnäselndhoher Stimme sprechen und wie ein unsinnlich funktionierender Arzt-Gott agieren. Nur die ungeniert naive Zizi hat vor ihm, dem kalten Herrscher über Menschen, keinen Respekt; an seiner Seite befindet sich die blass-konventionelle Ehefrau Norma (Beate Arens). Auch die Assistenten (Johann Ertl als Doktor Piaz und Gele Lehner als Schlubbe) vergessen bei ihrer sehr eindeutigen Sex-Szene den Chef. Aber auch darin zeigt sich das vergebliche Suchen nach menschlicher Nähe; lustig ist das nicht.

Schließlich will Ramper, angeblich von seiner »tiefen Verblödung« geheilt, frei gelassen werden. Denn in eine Welt, in der nur Geld und Macht zählen, in der Chocolat und Zizi zu vermögenden Wurst-Fabrikanten geworden sind, in der Zizi sich in verschiedenen Tonarten und »Rollen« an ihn heranmacht, will Ramper nicht bleiben. Er will wieder zurück in das Eis. Norma begleitet ihn. Doktor Barbazin wehrt sich, zittert, wälzt sich am Boden. Selbst in die einsame Zweisamkeit von Ramper und Norma brechen Zizi und Chocolat ein, laut und gefühllos. Ramper will wieder in das Eis. Doch »das Vergessen geht nicht mehr«. Die Selbstlosigkeit von Norma aber hindert ihn am Zurück. Die Menschen, die ihn stören, räumt er aus dem Weg – ein Tiermensch? Oder nur eine symbolische Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Menschseins in einer pervertierten Gesellschaft? Die ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen Fragen wurde durch die allzu unterhaltsame Inszenierung ein wenig gestört. Renate Freyeisen