| Die Wiederentdeckung eines Autoren | ||
"Bei aller Tragik unterhaltsam - also genau so, wie das Leben" ist für Regisseur Reinhard Mahlberg das Stück "Ramper" des aus Würzburg stammenden, fast vergessenen jüdischen Autors Max Mohr. Mit dem Schauspiel in drei Akten und einem Vorspiel will das Würzburger Theater Chambinzky demonstrieren, dass es, anders als im Schubladendenken des Würzburger Theaterpublikums verankert, kein ausschließliches Komödienhaus ist. Nach den Worten von Kurt Egreder vom Verein Theater Chambinzky will das Ensemble mit "Ramper" die Kategorisierung der Würzburger Off-Theater durch das Publikum durchbrechen und dem "Boulevardpublikum" des Chambinzky einmal etwas ganz anderes als das Gewohnte zeigen. Weil das Stück um den von Rainer Appell gespielten Flieger Ramper so anders ist als die Stücke, die sonst im Programm des Chambinzky zu finden sind, stellt die Inszenierung ein nicht unbeträchtliches Risiko dar, gibt Egreder zu. Auf derselben Bühne, wo sich bis Sonntag der "Dinner für Spinner" liebende Verleger Brochant aus Francis Vebers gleichnamigem Stück tummelte, ist ab 14. Februar die "Tabula rasa-Figur" Ramper zu sehen. Ramper, erfahren wir im Prolog, gerät mit seinem Maschinisten Ipling (Helmut Mahsberg) ins ewige Eis. 17 Jahre lang. Mit der Schilderung der Lebensbedingungen in der grönländischen Kälte hält sich Mohr nicht weiter auf. Schusswaffen haben Ramper und - der später Selbstmord begehende - Ipling wohl dabei gehabt, und in der verlassenen amerikanischen Station im Eis, in der die Abgestürzten Herberge fanden, schien es genug Vorräte gegeben zu haben. Und Ramper fand schnell heraus, wo es Vogeleier auszuschlürfen gab. In seinem 1925 in Hamburg und Berlin uraufgeführten Stück stellt Mohr die Klarheit des gegen seinen Willen - von sich als eitle Egozentriker entpuppenden Rettern - aus dem Eis befreiten Helden die Unaufrichtigkeit und Verlogenheit der Gesellschaft gegenüber. Die Figuren, denen Ramper begegnet, tragen, wie es das gesellschaftliche Leben erfordert, Masken. Der Eismensch Ramper entlarvt den Mummenschanz seiner Zeitgenossen, er kommt hinter ihre Eitelkeiten und ihren Opportunismus. Die Begegnungen Rampers mit dem Artistenehepaar Chocolat (Gaspar Ochoa-Ruiz) und Zizi (Britta Schramm), dem Arzt Barbazin (Thorsten Rock), dessen Assistenten Piaz (Johann Ertl), der Assistentin Schlubbe (Gele Lehner) und seiner Gattin Norma (Beate Arens) lässt Regisseur Mahlberg - um die "Tatsache des Theaters nicht wegzuleugnen" - sich auf einer von Sabine Hardt leer geräumten, von Thomas Fuhrich ausgeleuchteten Bühne vor einem abstrahierenden Bühnenbild vollziehen. Mohrs Figuren, so Mahlberg, fungieren als Träger negativer oder positiver Charaktereigenschaften und Lebenseinstellungen. Solcherart sind sie äußerst expressiv in ihren Grundhaltungen - nur in den Momenten ihrer Entlarvung offenbaren sie auch Ambivalenzen. "Ramper" enthält insoweit autobiographische Züge, als die Inhalte, die transportiert werden, von Mohrs eigner Einstellung zum Leben zeugen. Dies mag mit modernen Lebenslehren kollidieren - ein Risiko, das der auf eine werktreue Inszenierung bedachte Mahlberg gern eingeht. Anliegen des Regisseurs ist es, Mohrs Inhalten auf den Grund zu gehen. Max Mohr wurde am 17. Oktober 1891 in Würzburg geboren. Er begann in seiner Heimatstadt ein Medizinstudium, das er in München beendete. Bis zum Dritten Reich wurden die Stücke des 1937 nach Shanghai ausgewanderten jüdischen Schriftstellers viel gespielt. Nach Heirat und Promotion zog Mohr in einen Einödhof bei Rottach am Tegernsee, wo er aber kaum geschrieben hatte. Zum Schreiben zog es ihn vielmehr in die Großstädte, nach Berlin zum Beispiel. Nach Auskunft von Mahlberg war der mit Thomas Mann und Heinrich George befreundete Schriftsteller eine zentrale Figur des Theaterlebens seiner Zeit. 1927 wurde in Würzburg die Verfilmung "Ramper. Ein Tiermensch" mit Stummfilmstar Paul Wegener in der Hauptrolle gezeigt. Auf die Bühne kam "Ramper" in Würzburg erst drei Jahre nach der Uraufführung - 1928, als Wegeners Tournee-Truppe im Stadttheater gastierte. "Ramper" steht vom 14. Februar bis 16. März auf dem Spielplan des Theater Chambinzky (Valentin Becker Straße 2). Die nächsten Spieltermine sind 14. bis 17., 20. bis 24., 27. und 28. Februar jeweils 20 Uhr. Karten unter Telefon 09 31 / 5 12 62. Pat Christ |
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© Fränkische Nachrichten – 08.02.2002 |