Sehnsuchtsvolle Erinnerungswehmut
"Ich denke oft an Piroschka" feierte auf dem Würzburger Weingut Knoll Premiere
 

Herrliche Zeit der ersten Liebe . . . Oder eigentlich: So herrlich war das doch gar nicht, Verwirrung war es vielmehr, wenn man genauer zurückdenkt, ein unentschlossenes, verschämtes Hin und Her, ein Wagen oder Nichtwagen, ein Zaudern und Zögern, das in späteren Jahren unversehens in eine "Ich kenn mich aus!"-Abgeklärtheit umschlug.

Auf jeden Fall: Die Erinnerung an diese erste Liebe ist herrlich, die Erinnerung verklärt und überhöht, lässt selig aufseufzen beim Gedanken an das, was hätte werden können, was hätte entstehen können, hätte man damals . . . Von eben jener verklärenden Nostalgie und sehnsuchtsvollen Erinnerungswehmut ist das Stück "Ich denke oft an Piroschka" des 1902 im Vogtland geborenen Romanciers Hugo Hartung durchzogen, das am Dienstag auf dem Würzburger Weingut Ludwig Knoll unter der Regie von Florian Hoffmann begeisterte Premiere feierte.

Der Erstsemester-Austauschstudent Andreas Grüner kommt im Jahre 1925 nach Ungarn, in einen Ort mit dem unaussprechlichen Namen Hodmezövasarhelykutasipuszta, wo er sich in die Tochter des Stationsvorstehers, Piroschka, verliebt. Wobei "verliebt" nicht ganz das richtige Wort ist, Andreas Herz schlägt eigentlich für die viel aufregendere Greta, die er während der Reise an den Ort mit dem unmöglichen Namen auf dem Schiff kennen gelernt hat.

Piroschka mit ihrer ungelenken Grazie gefällt ihm lediglich, ist eher eine Gespielin, als dass Andreas sie sich ernsthaft als Geliebte vorstellen könnte. Katharina Miebachs Piroschka ist in der Chambinzky-Produktion, die sich der Verfilmung mit Lilo Pulver anlehnt, ganz Munterkeit und zappelnde Ungeduld, die 17-Jährige trägt ihr Herz auf der Zunge, aus ihrer verschämten Schüchternheit spricht ebenso viel Keckes wie Lust am Kokettieren. Sowohl zu Lars Romfelds zur Selbstüberschätzung neigenden, verschusselten Studenten Andreas, bei dem, wie das Bahnhofsfaktotum Sándor feststellt, reichlich wenig "Dampf dahinter" ist, was Frauen anbelangt, als auch zur sachlichen, kultivierten Beherrschtheit von Colette Trösters Greta bildet das unverwüstliche, unbedarfte Naturkind Piroschka einen spannungsvollen Widerpart. Keine Frage, Autor Hartung spielt hier mit handfesten Klischees. Dem in Greta verkörperten - vermeintlichen - deutschen Hang zum grüblerischen Zweifeln und Analysieren stellt er die ganz im Heute und Hier lebende Naivität der Ungarin Piroschka gegenüber, die, wie sie Andreas lehrt, nicht über Liebe spricht, sondern Liebe lebt.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Klischees funktioniert die heiter-melancholische Geschichte, die nach und nach einen Zauber ausbreitet, der nicht (mehr) ganz von dieser Welt ist. Die Romanze zwischen Andreas und Piroschka, die in der ersten Szene in dem - von Bühnenbildnerin Sabine Hardt und Team mit viel Liebe zum Detail ausgestalteten - Bahnhof von Hodmezövasarhelykutasipuszta einen harmlosen Beginn nimmt, um sich plänkelnd à la Sandkastenspiele fortzuentwickeln, gewinnt beim Zusammentreffen der beiden mit Greta in der Pension von Frau Marton (Brigitte Miebach-Schrader) an Brisanz.

Andreas ist zunächst ganz und gar nicht geneigt, dem Ungestüm der ihm hinterher reisenden Piroschka nachzugeben. Greta lockt ihn - der beim Beobachten des grünschnäbeligen "Gewollt aber nicht gekonnt"-Paares Andreas und Piroschka jedoch endgültig klar wird, dass Andreas unmöglich ihr Traummann ist. Der Mann, der an ihre Seite gehört, sollte seine Sache in puncto Liebe deutlich besser verstehen... Ein echtes Schmankerl in der Theater Chambinkzy-Produktion ist das von Nico Wolf gemimte Bahnhofsfaktotum Sándor, dem Hoffmann die Funktion des Erzählers übertrug. Wolfs Sándor ist ein Alltagsphilosoph mit reichlich Menschenkenntnis. Das mit den Männern und den Frauen, sinniert er, ist wie mit den Zügen. Manchmal kommt es zum Zusammenstoß, manchmal zur Entgleisung - im Glücksfall ziehen Lokomotive und Waggon friedlich ihren gemeinsamen Weg. Will es das Schicksal anders, kommen Lokomotive und Waggon nicht zueinander, bleibt die Erinnerung an das Fast-Gewesene, die nie altert, in der Sie und Er jung und unbeschwert sind und ewig frisch wie frisch gestrichene Waggons.

Seiner von Piroschkas temperamentvoller Mutter (Dagmar Schmauß) übertragenen Aufgabe, das ungeschickte Liebespaar zu überwachen, kommt der schlitzohrige, urwüchsige Sándor wohlweislich nicht nach. Die Blicke, die er dem "steifen deutschen Bruder" Andreas zuwirft, bedeuten vielmehr: "Mensch, leg mal ein bisschen zu!" Das Ende ist ein Romantisches. Dass diesbezügliche Gefühle aufkommen, dafür sorgt nicht zuletzt die zu Herzen gehende, ungarische Musik von Akkordeonistin Tanja Kübert und Violinistin Stefanie Tovornik. Die Dunkelheit, die sich nach insgesamt knapp zweistündigem Spiel über die Weinberge legt und das auf dem Stalldach hockende, frisch gebackene Liebespaar umhüllt, tut ein Übriges. Viel Applaus für ein stimmiges Gesamtkunstwerk, in dem Ingo Oehler-Bonnets Lokomotive-Gemälde nur eines von zahlreichen Highlights ist.

"Ich denke oft an Piroschka" steht noch bis zum 10. August täglich außer montags um 20.30 Uhr auf dem Spielplan der Sommerfreilichtspiele auf dem Winzerhof Ludwig Knoll des Weingutes am Stein (Mittlerer Steinbergweg 5). Karten sind noch zu allen Vorstellungen zu haben,
Reservierungen unter Telefon 09 31 / 5 12 62 oder 09 31 / 5 12 12. Pat Christ