Bettelarm, doch ach so gut 02.12.2001 17:27
Chambinzky zeigt spannende Inszenierung von "Oliver Twist"
würzburg Ja, ja Herr Dickens, wenn doch alles so einfach wäre, wie Sie es in "Oliver Twist" beschreiben: Es war einmal ein bettelarmer, doch stets aufrichtiger Junge, der besaß nichts außer seinem falschen Namen und einem goldenen Medaillon mit dem Bildnis seiner verstorbenen Mama. Viel Leid und Unrecht widerfährt dem Kind bis sich doch noch alles zum Guten wendet und das Medaillon zur Eintrittskarte in ein schönes, sorgenfreies Leben wird.Eine spannende und rein gar nicht gefühlsduselige Umsetzung des rührseligen Romans präsentiert jetzt das Würzburger Theater Chambinzky, mit der Aufführung von "Oliver Twist". Regie führt Bianca-Cornelia Fink, von der auch die Bühnenbearbeitung stammt.
Auf engstem Raum eröffnet das bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Bühnenbild von Sabine Hardt und Walter Heinemann dem Zuschauer einen stimmungsvollen, beeindruckenden Blick auf nächtliche Straßen, billige Absteigen oder noble Herrenhäuser.
In aufwendigen Kostümen präsentieren die Darsteller die Geschichte um den Waisenjungen Oliver nie ganz ohne ironisches Augenzwinkern. Und dieser ironische Abstand ist eine Wohltat bei all der auf die Tränendrüsen drückenden Schwarz-Weiß Malerei der Romanvorlage.
Brigitte Weber spielt gekonnt die geizige Vorsteherin des Waisenhauses ebenso wie eine gütige Haushälterin. In komischer Verzweiflung blickt sie mit weit aufgerissenen Augen gen Himmel und seufzt schwer über das Schicksal des Waisenknaben.
Pfiffig gibt Maximilian Feifel den witzigen Taschendieb Dodger, der alles, nur nicht auf den Mund gefallen ist. Der grausame Gauner Bill (Gaspar-Ochoa Ruiz) ist Gemeinheit pur, eine Ikone des Bösen, ohne wenn und aber.
Clara-Maria Fink ist einfach Herz erwärmend in der Rolle des kleinen Oliver und trägt sehr geschickt auch schon mal ein wenig zu viel Gefühl auf. Christina Stibi zeigt als patente Dirne Nancy viel Herz und Sympathie. Volker Baumann spielt schräg und einfallsreich den Bandenführer Fagin. Leider versagt bei Fagins Erscheinungsbild die ironische Brechung der Romanvorlage durch das Stück. In seinem Kostüm sieht Baumann wie eine Mischung aus Rabbiner und Nosferatu aus und der jiddische Tonfall wirkt zwar amüsant, lässt aber den nötigen Abstand zur zwiespältigen schablonenhaften Original-Figur des Romans vermissen.
Daran nimmt die gelungene Inszenierung aber weiter keinen Schaden und ein Besuch lohnt sich allemal.
Nächste Aufführungen: 5., 6., 7.
Dezember um 20 Uhr und am 8.
Dezember um 17 Uhr. Karten: Tel.
(09 31) 5 12 62.
Von Eva werner