| Dort, wo das Gute unverwüstlich gut ist | ||
Ab und zu, und nicht zuletzt zur Weihnachtszeit, sehnt man sich genau hiernach: Nach einer Welt, in der das Gute unverwüstlich gut, das Schlechte unverkennbar schlecht ist, in der das Gute, Ehrliche, Wahre siegt und das Dunkle, Böse zuletzt an sich selbst zugrunde geht. Das an den gleichnamigen Roman von Charles Dickens angelehnte Theaterstück "Oliver Twist", das am Freitag unter der Regie von BiancaCornelia Fink im Würzburger Theater Chambinzky hell begeisterte Premiere feierte, bedient dieses Bedürfnis auf bezaubernde Weise. Es basiert, zumindest in groben Zügen, auf einer wahren Geschichte der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein kleiner Junge wächst ungeliebt, hungernd und oft genug misshandelt in einem der damals nicht gerade pädagogisch inspiriert geleiteten Waisenhäusern auf. Allen widrigen Umständen zu Trotz - er wird verraten und verkauft, er gerät in die Fänge einer kriminellen Taschendiebebande - gelingt es ihm, gut zu bleiben. Bianca-Cornelia Fink stellte aus der Romanvorlage ein anrührendes Märchen her, das über knapp zwei Stunden inmitten aufwändiger Kulissenarchitektur zügig und ungemein kurzweilig alles das erzählt, was bei Dickens über mehr als 300 Seiten ausgeführt wird. Die Miniaturszenen, in denen der Romanstoff konzentriert auf das Wesentliche wiedergegeben wird, übertreffen die in der Saison 1995/96 inszenierte "Weihnachtsgeschichte" von Dickens bei weitem. Und obwohl wir nie vergessen, dass die psychologisch nicht gerade differenzierte Geschichte in puncto Realismus nicht viel hergibt, lassen wir uns, dank der engagierten Schauspieler und der die jeweilige Bühnenstimmung und Charaktereigenschaft der Figuren untermalenden Musik, unwillkürlich in ihren Bann ziehen. Dem 1811 in der Nähe von Porthmouth geborenen, 1870 in Gadshill gestorbenen Autor ging es auch nicht um Realismus - er wollte auf die sozialen Missstände aufmerksam machen. Zu Dickens Zeiten wurden Kinder noch selbstverständlich zu schwerer körperlicher Arbeit herangezogen, und Dickens selbst hatte, als sein Vater 1823 ins Londoner Schuldgefängnis kam, bereits mit zwölf Jahren sein Brot als Hilfsarbeiter verdienen müssen. Insofern wusste Dickens, wovon er schrieb - er kannte das demütigende Leben der Londoner Arbeiter in all seinen Facetten. Das geballte Böse, Brutale, das in Dickens Romanen drastisch in menschlich nicht nachvollziehbarer Grausamkeit beschrieben wird, ist in Finks Inszenierung in der Figur des für diese Charakterrolle prädestinierten Gasper Ochoa-Ruiz gebündelt. Breitbeinig steht er als Bösewicht Bill da, mit jeder Faser seiner Mächtigkeit bewusst, und Jähzorn erwacht, sollte es einer wagen, seinen Befehlen nicht Gehorsam zu leisten. Es ist ihm anzusehen: so einer geht über Leichen, was er letztlich auch tut - in einer theatralischen Szene, die vom Premierenpublikum von ihrer amüsanten Seite genommen wird. Sein diametraler Widerpart ist Nico Wolfs Mr. Brownlow, der, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, Olivers Großvater ist; seine begütigende Väterlichkeit wäre für mindestens ein Dutzend Durchschnittsväter ausreichend. Oliver befindet sich haargenau im Kreuzungspunkt der beiden Figuren. Gespielt wird er von der gerade einmal zehn Jahre alten Clara-Maria Fink, deren glockenhelle Stimme, deren Gestik und Mimik ihrer Figur einen unschuldigen, ganz und gar unverdorbenen, durch und durch ehrlichen Anstrich verleihen. Sie ist nicht nur der gute Geist der Geschichte, sondern der unbestrittene Star des Abends, der unmittelbar auf die Emotionen der erwachsenen Zuschauer einwirkt. Der zweite jugendliche Star des Abends ist der 15 Jahre alte Maximilian Feifel, der den Straßenjungen Dodger spielt, einen witzigen, lebenslustigen Buben, der Oliver seine pragmatische Treppenphilosophie näher zu bringen versucht. Um seine Anliegen herüberzubringen, belieferte Dickens seine Lesegemeinde mit die Identifikation erleichternden, die eigenen Erfahrungen stimulierenden Klischees und Stereotypen, deren heikelste aus heutiger Sicht das Klischee des geldgierigen Juden ist, zur Figur geronnen in dem von Volker Baumann zweifellos hervorragend gemimten Fagin. Fink wollte in diesem Punkt Dickens nicht neutralisieren, schaffte es aber immerhin, Fagins Züge - er wird von Dickens eingeführt als "vertrockneter Jude", sein "schurkisches Gesicht mit den abstoßendsten Zügen von der Welt von rotem Kraushaar beschattet" - abzumildern, so dass ihm Menschlichkeit entgegen der Romanvorlage nicht ganz abgesprochen werden kann. Schwankend zwischen Gut und Böse, dabei immer deutlicher zu ersterem tendierend, steht Christina Stibis verruchte Nancy mit dem goldenen Herzen, die sich des kleinen Olivers annimmt, was sie mit dem Leben zu bezahlen hat. Noch eine Figur nahm Fink an Bord ihrer auf geschickte Weise personalreduzierten Inszenierung von Dickens Bestseller auf: Mrs. Bedwin, die Haushälterin des gütigen Brownlow, die Stibis auf dem ersten Blick ordinären Gangsterbraut Nancy etwa so krass gegenübersteht, wie Brownlow dem Ganoven Bill. Die von Thomas Fuhrich meist in Dämmerlicht getauchte Inszenierung, die nichts mehr sein will und kann als ein Weihnachtsmärchen für die ganze Familie, ist in sich stimmig und besticht durch ihren liebevollen, sensiblen Umgang mit Dickens Figuren. Zu sehen ist "Oliver Twist" an folgenden weiteren Terminen: 5. bis 9., 12. bis 16., 19. bis 23. und 26. Dezember. Beginn ist jeweils um 20 Uhr im Theater Chambinzky (Valentin-Becker -Straße 2). An den Samstagen finden zusätzlich auch um 17 Uhr Vorstellungen statt. Kartenreservierung unter Telefon 09 31 / 5 12 62. Pat Christ |