"Wilde Stiere" mit bangen Herzen 05.05.2002 19:18
Würzburg "Ganz oder gar nicht" - Das war die Geschichte von sechs arbeitslosen Engländern, die ihr Geld als Stripper verdienen wollten. Der Film, 1997 in die deutschen Kinos gekommen, war furios. "Ladies Night", ein Bühnenstück der Neuseeländer Stephen Sinclair und Anthony McCarten, war die Vorlage. Zurzeit ist es im Würzburger Theater Chambinzky zu sehen, Regie: Gwendolyn von Ambesser.
"Ganz oder gar nicht" im Chambinzky
Das triste England muss man sich vorstellen, die Hoffnungslosigkeit der Lage auch. Das Bühnenbild gibt die Ödnis nicht her. Wir sehen sechs Männer in einer Kneipe, mehr Bier im Bauch als Zukunft vor sich. Fünf kommen auf die Idee, für Geld vor Frauen die Hosen runter zu lassen. Fragen sind zu lösen: Was macht Frauen scharf? Wie bringt man die eigenen steifen Hüften in Schwung? Woher nimmt man den Mut?Auf der Bühne stehen keine Profis. Am Anfang, es mag das Premieren-Lampenfieber gewesen sein, sind sie hölzern und unbeholfen. Das ändert sich rasch. Die Aufführung entwickelt nicht wenig Reiz aus dem Umstand, dass ungelernte Schauspieler ungelernte Stripper spielen. Ihre Vermutungen über die sexuellen Begehrlichkeiten von Frauen sind ebenso köstlich wie ihre ersten Tanzproben, die eine gewaltige, wundervolle Blamage versprechen. Die Stimmung des Publikums ist prächtig und wird noch besser werden.
Craig (Dietmar Modes), Gavin (Lars Romfeld), Barry (Achim Beck), Norman (Jonas Trottmann) und Wesley (Udo Jain) proben mit Mut in den bangen Herzen das Wackeln mit den Hintern, sehr robust angeleitet von Glenda (Christina von Golitschek). Graham (Christian Voll), der sechste im Männerbund, hält von alledem nichts: Er provoziert und nervt und nimmt einigen Raum ein.
Hier funktioniert die Aufführung nicht. Es wird nicht klar, warum er so grantig ist. Weder seine Kumpels noch das Publikum können sich mit ihm auseinandersetzen, weil seine Motive nicht zu erkennen sind.
Der Nachtclubbesitzer Bernie (Matthias Dzierzon) verschafft den "Wilden Stieren", so nennt sich das Quintett, Auftritte. Von den Shows sehen wir erstmal nichts, erfahren aber, dass sie erfolgreich sind. Die Männer schwimmen im Geld. Die Folge: Die Gruppe bricht auseinander, vier von fünf wollen nicht mehr. Warum, bleibt unklar; die Schau in die Tiefen der Psychen bleibt an der Oberfläche. Glenda sorgt mit einem mächtigen, Domina-haften Auftritt dafür, dass die Stiere noch einmal auf die Bühne gehen. Ganz am Schluss des Stückes strippen sie wirklich.
In der Premierenvorstellung wackelten die Theaterwände. Das Publikum feuerte die Männer mit einer Leidenschaft und Lautstärke an, die den Schauspielern wohl selbst nicht ganz geheuer war.
Frenetischer Beifall nach einem wirklich netten Abend.
Nächste Vorstellungen: 8. bis 12.
Mai, jeweils 2030 Uhr. Bis 1. Juni
auf dem Spielplan. Karten:
Tel. (09 31) 5 12 62
Von dem Main Post - Mitarbeiter Wolfgang Jung