Über Gott und die Welt 09.10.2001 16:27
Thomas Kupferschmidt kommentiert Kulturgeschichte im Chambinzky
Würzburg Thomas Kupferschmidt ist ganz schön mutig. Irgendwann einmal scheint er sich jedenfalls entschlossen zu haben, das große Ganze anzupacken oder noch einmal ganz von vorne anzufangen. Das Resultat ist sein Programm "Mann oder Mensch", das er nun erstmals im Würzburger Theater Chambinzky vorstellte. Da geht es rund 200 000 Jahre zurück - also weit über Adam und Eva hinaus.
Gleich am Anfang lässt Kupferschmidt den Affen aus dem Urnebel - oder dem Weltenei - schlüpfen, erlernt als nackter Adam den aufrechten Gang und gleitet in Michael Jacksons Moonwalk hinüber. Szenenapplaus! Danach zieht er sich an. Ein Striptease als Auftakt werde sich sicher gut machen - das habe er sich gedacht, sagt Kupferschmidt und bedient und konterkariert damit ein Klischee der exhibitionistischen Spaßkultur gleichzeitig.
Das ist doppelbödig, also ziemlich intellektuell. In diese Richtung weist auch die Geste, wenn Kupferschmidt seine Brille aufsetzt und gleich wieder abnimmt. Der hoch aufgeschossene schlanke Kabarettist - Jahrgang 1971 - hat die größte Herausforderung schon bestanden. Mittlerweile liege sie doch nur noch darin, vor dem 30. Lebensjahr keinen Bauch anzusetzen, lästert er über das verweichlichte Zeitalter.
Bis zur Pause ist das Programm linientreu. Das tut ihm gut. Kupferschmidt durchmisst dabei als Zeitzeuge die Evolution und kommentiert kulturelle Phänomene wie etwa das Jagen und Sammeln aus einer Art Kumpelperspektive. Er vergreift sich also ganz bewusst im Ton und erzielt damit reihenweise komische Effekte. Das Publikum im voll besetzten Chambinzky gerät dabei gewissermaßen in die Rolle von Erwachsenen, die miterleben, wie Kleinkindern Weltgeschichte erzählt wird.
Auf die "Menschwerdung" folgt nach der Pause die "Mannwerdung". In diesem Teil dringt der organisierende Gesichtspunkt - Mann und Frau - nur noch schwach durch. Kupferschmidt verlässt die Linie - "nächstes Thema" - und scheint nun eher Steckenpferde zu reiten. Er breitet sich aus über Leistungsdruck und Flatulenzen, über Männerbilder und Beziehungsprobleme, über das Rabattgesetz - tatsächlich über Gott und die Welt.
Aus Kupferschmidts Plauderton ragen oft gut gesetzte Pointen heraus. Im
Wechsel zwischen Vortrag und Rollenspiel zeigt sich Sinn für Dramaturgie. Als
Darsteller agiert Kupferschmidt zuweilen allerdings etwas heftig. Dabei kommt
gelegentlich auch eine Verstimmung heraus. Es sei denn, er hält Erich Honecker
für Gott oder Gott für einen Saarländer.
Von Helmut Klemm