Preußischer Militarismus im fränkischen Weinberg - passt
das zusammen? Regisseur Hermann Drexler bewies mit »Der Hauptmann von Köpenick«
von Carl Zuckmayer im Sommertheater am Stein, dass eine gelungene Freilicht-Aufführung
alle Widersprüche vergessen lässt. Drexler hielt das Stück geschickt in der
Schwebe zwischen witzig und nachdenklich, ließ auch Gesellschaftskritik und
verdeckte Anklage gegen den Obrigkeitsstaat zu ihrem Recht kommen, ohne dass der
Unterhaltungswert verloren gegangen wäre, und erreichte eine bemerkenswerte
Dichte der Darstellung mit raffinierten Schauplatzwechseln auf offener Bühne,
stimmigem Tempo und gelungener Rollenbesetzung.
Preußische Aura
Glaubhaftes und natürliches Spiel - abgesehen vielleicht
von Thorsten Rock als übertrieben chargierendem Rosencrantz - vermied billigen
Klamauk. Das bekam der Inszenierung sehr, und Petrus spendete deshalb auch der
Premiere sein Wohlwollen: Es regnete nur in der Pause. Von Anfang an waren die
Zuschauer im Hof des Weingutes Knoll am Steinberg von diesem »deutschen Märchen«
gefesselt. Ein Ansager (Florian Hofmann) rückt zu Beginn diese unglaubliche
Geschichte in die Nähe der Moritat. Obrigkeitshörigkeit, Eitelkeit und Bürokratismus
werden auf die Schippe genommen; gefeiert werden Schlitzohrigkeit und
Mutterwitz. Und da eigentlich alle Akteure so ein bisschen den Berliner Tonfall
beherrschen, erhält die Komödie so etwas wie preußische Aura. Schon im
Uniformladen des Adolf Wormser entfaltet sich dadurch unverkennbar die korrekte,
leicht spießige Atmosphäre.
Helmut Mahsberg war ein jovialer und souveräner Geschäftsmann Wormser, der
sein freundliches Faktotum, den buckligen Wabschke (hervorragend: Bodo Koch)
herumscheucht, seinen linkischen Sohn Willy (Sebastian Vogel) korrigiert, den
schneidigen Herrn von Schlettow (hier sehr gelungen: Thorsten Rock) als Kunden
umwirbt und ansonsten den bescheidenen, stillen Betrachter Wilhelm Voigt
hinauswirft, weil er in ihm einen Bettler sieht.
Kurt Egreder war die Rolle dieses in den Mühlen der Bürokratie fast
zerriebenen, anfangs resigniert scheinenden, harmlos- naiven und gutmütigen
kleinen Mannes wie auf den Leib geschneidert. Sein feiner Witz verlässt ihn
eigentlich nie, und so wird er im Zustand der höchsten Verzweiflung zum selbst
vom Kaiser anerkennend belachten Hochstapler, zum Hauptmann von Köpenick, dank
der alten Uniform vom Kleiderjuden und der im Gefängnis erworbenen Kenntnisse
über die militärische Hierarchie.
Denn die Uniform machte damals den Menschen. Rainer Maria Binz hatte als
Mittagsbrotmampfender Oberwachtmeister eine Sternstunde, und auch die Plörösenmieze,
eine schlagfertige, blonde Kokotte in Orange-Grün, war dank Anne Hansen
herrlich reizvoll und selbstbewusst; bei ihr hat »Opa Voigt« einen Stein im
Brett. Dagegen kommt Voigt in der Schuhfabrik beim groben Prokuristen Knell
(Frank Müller) nicht an; es gibt eben keine Arbeit für einen Mann ohne Pass,
und keinen Pass ohne Arbeit. So bleibt er lieber in seinen Kreisen, bei Kalle
(Stephan Ladnar) in seinem Karo-Anzug. Eine herrliche Persiflage auf preußische
Kriegstugenden war die Feier des Tags von Sedan im Zuchthaus. Nicht so gemütlich
ging es im Haus des Bürgermeisters Obermüller zu, in dem seine Frau (mit schönem
Zug ins Hysterische: Brigitte Miebach-Schrader) das Regiment führt und ihren
schwachen, etwas nervösen, aber gutmütigen Gatten (Dietmar Modes) zur Karriere
antreibt.
Die Zuschauer lachen mit
Voigts Schwester (Julia Henning) und sein Schwager Hoprecht (Frank Müller)
werden als hilfsbereite Menschen gezeichnet, denn sie nehmen sogar die arme
Lungenkranke (Anna Hansen) bei sich auf. Aber Voigt, der ihnen nicht lange zur
Last fallen will, entschließt sich zu einer Verzweiflungstat, um endlich zu
einem Pass zu kommen: Militärisch stramm nimmt er das Rathaus von Köpenick ein
durch die Legitimation seiner Uniform - wie bekannt vergeblich: Hier gibt es
keine Pässe. Doch seine Tat hat immerhin eines bewirkt: Alle lachen, über sich
selbst, einen Staat, in dem so etwas passieren kann, und über den falschen
Hauptmann - und die Zuschauer lachen mit.
Renate Freyeisen
Bis 11. August; Karten unter Tel. 0931/51262 und 0931/51212.