| Pointierte Absurditäten, vorgeführte Lächerlichkeit | ||
Einer kommt mit dem Gesetz in Konflikt, strauchelt, wird gefasst, verhaftet und muss eine Gefängnisstrafe verbüßen - auch heute können die hieraus resultierenden Folgen für einzelne Schicksalsgebeutelte so erheblich wie verheerend sein. Wie bitter diese Konsequenzen tatsächlich sind, erfährt auch Wilhelm Voigt, jener legendäre Schuster aus "Der Hauptmann von Köpenick", dem inzwischen mehrfach verfilmten "Deutschen Märchen" des 1896 in Rheinhessen geborenen Schriftstellers Carl Zuckmayer. Als Strafentlassener ist Voigt weder im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis, noch in dem eines Passes, weshalb kein Arbeitgeber ihn nimmt; ohne Anstellung wiederum werden ihm Pass und Aufenthaltserlaubnis verweigert - wie absurd die Mechanismen sind, die Voigt in einen fatalen Circulus vitiosus hineintreiben, ist den Behörden gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit schließlich bekommt den Charakter einer Legitimierung für Voigts weiteres Handeln auf der so genannten schiefen Bahn; und eben darauf läuft Hermann Drexlers Inszenierung von Zuckmayers "Märchen", die beim diesjährigen Sommertheater am Stein in einer Produktion des Würzburger Theater Chambinzky Premiere feierte, hinaus. Noch nie, bekannte Hauptdarsteller Kurt Egreder im Vorfeld der Premiere, habe er eine schauspielerische Aufgabe so ernst genommen wie diese, und das ist von der ersten Szene an, in der Egreder alias Wilhelm Voigt auf die von Sabine Hardt und anderen Ensemble-Mitgliedern raffiniert gebauten "Wandelbühne im Modulsystem" tritt, eindrucksvoll zu spüren. Es ist ein Uniformladen, den Voigt im ersten Bild des in kurzer Szenenfolge spannend inszenierten Dreiakters betritt, weil er Arbeit finden möchte; soeben probiert - umgeben von Sebastian Vogels distinguiertem Verkaufsstrategen Willy Wormser - Thorsten Rock als schneidiger Hauptmann von Schlettow seine neue Uniform an. Die Gesäßknöpfe sitzen nicht korrekt, konstatiert der ansonsten emotionsbereinigte Offizier mittels seines militärischen Gefühls, womit zum ersten, aber keineswegs einzigen Mal in Zuckmayers Märchen zum Tragen kommt, mit welchen Absurditäten sich Militärs, Bürokraten und Obrigkeitshörige im Preußenstaate zu beschäftigten pflegen. Die Pointierung dieser Absurditäten, die Vorführung der Lächerlichkeit des militärischen Gebarens von Personen, die aufgrund ihrer Identität zerstörenden Soldatenhaftigkeit untereinander nahezu austauschbar sind, und das Aufzeigen der brutalen Durchhierarchisierung Preußens mit Wilhelm II. Als - auch im Spiel allgegenwärtiger - Zentralfigur stellen die Konstanten von Hermann Drexlers Regiekonzept dar. Plakativ kommt diese Hierarchie gleich im zweiten Bild des ersten Akts zum Ausdruck, wenn Voigt, ein Treppchen zur Polizeibehördenschranke erklimmend, den Kopf hochreckt zu Rainer Binz' Oberwachtmeister, der in vollem Bewusstsein seiner schnauzbärtigen, besserwisserischen Autorität mit unverhohlener Herablassung auf den Strafentlassenen niederblickt. Eine Autoritätsperson braucht sich nicht einlassen auf eine Diskussion mit einem, der "wie eine Laus auf der Glasplatte" versucht, aus dem Loch, in das er in jungen Jahren gestürzt, wieder nach oben zu klettern, und so hört Voigt in dieser Szene, was er immer wieder zu hören bekommen wird - ein entrüstet gebrülltes: "Raus!" Die Lösung des durch die gesellschaftliche Kriminalisierung entstandenen Problems kann nur im Kriminellen liegen, lernt Voigt, und so schlägt der Schuster dem in abenteuerliche Karotracht gehüllten Kalle, den Stephan Ladnar in brillantinenschleimiger Zwielichtigkeit präsentiert, einen Einbruch ins Polizeirevier vor, um an den vorenthaltenen Pass zu kommen; ein Plan, der scheitert, und letztlich wieder dahin führt, wo alles seinen Ausgang nahm - in den Knast. Zuckmayers "Märchen" vom Schuster Voigt ist ein Lehr- und Lernstück über die Möglichkeiten der Selbstbehauptung in einer Gesellschaft, die konsequent gegen die eigene Person in ihrer Unangepasstheit, die in aggressiver Selbstverteidigung gegen jeden "Sand im Getriebe" opponiert; parallel zu den Möglichkeiten der Selbstbehauptung, die Voigt im Laufe des 1931 in Berlin uraufgeführten Dreiakters für sich entdeckt, wächst Egreders Repertoire zur Ausgestaltung seines Potagonisten. Anfangs von bescheidenem, fast devoten Wesen, gewinnt Egreders in melancholische Poesie gehüllter Voigt einerseits zunehmend an - fast "altersweiser" - Besonnenheit und konzentrierter Ruhe, zugleich wird eine innere Wandlung in Gang gesetzt, an deren Ende sich, in jenem berühmten Streich im Köpenicker Rathaus, kämpferischer Mut mit selbstbewusster Entschlossenheit paaren. Die Meinung der anderen über Gesetz und Ordnung, Treu und Glauben, Recht und Pflicht, hat Voigt erkannt, kann weder mit Unterwürfigkeit noch mit Geduld geändert werden, so gilt es, die lebensferne, menschenverachtende, auf Kontrolle und Reglementierung des Individuums bedachte Absurdität dieser Doktrinen vor aller Augen zu führen. Die preußischen Dogmen ermöglichen es den Menschen eben nicht, Mensch zu werden, vielmehr engen sie dessen Fähigkeit, sich zu humanisieren, ein - dies zeigen die Randfiguren des Märchens, allen voran Bodo Kochs von Wormser schikanierter, dennoch stets unverdrossener Schneider Wabschke, der an Lebendigkeit all jene um Längen übertrifft, die ihren Leib in Wormsers Laden in starre Uniformen pressen lassen. Die Umsetzung von Zuckmayers Märchen durch Drexler und sein engagiertes, spielfreudiges Ensemble, dessen etwa zwei Dutzend Mitglieder in insgesamt rund 50 wechselnden Rolle ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit demonstrieren, ist "sommerleicht", amüsant und unterhaltsam, und doch verbirgt Drexler am Ende nicht, wie ernsthaft der Kern ist, um den die Geschichte vom Schuster Voigt drapiert. Die militärische Verbindlichkeit, der Zuckmayers Figuren huldigen, hat in Abwesenheit des Krieges etwas ebenso Hilfloses wie Lächerliches; wie schnell jedoch aus dem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kultivierten, groß angelegten Gesellschaftsspiel blutiger Ernst wurde, ist uns aus der Geschichte bekannt. Diese letzte, schreckliche Konsequenz aus dem preußischen Militärgebaren bleibt unausgesprochen - ein zerklirrender Spiegel, ein altes Kinderlied genügen, um uns aus Zuckmayers "Ende gut, alles gut"-Märchenwelt jäh herauszukatapultieren. "Der Hauptmann von Köpenick" steht noch bis 11. August täglich außer montags um 20.30 Uhr auf dem Spielplan der Sommerfreilichtspiele auf dem Winzerhof Ludwig Knoll des Weingutes am Stein (Mittlerer Steinbergweg 5). Karten sind noch zu allen Vorstellungen zu haben, Reservierungen sind möglich unter Telefon 09 31 /5 12 62 oder 5 12 12. Erstmals wird es vor der Vorstellung an den Theatertischen ab 19 Uhr ein dreigängiges Menü geben. Dieses kann gebucht werden unter Telefon 09 31 / 28 69 01. Pat Christ |