14.02.2003 16:57

Faust aufs Zwerchfell
 
 
 
Würzburg Erstens: Es ist ein Lehrstück. Zweitens: Erwarte bloß keiner, den "Faust" hier zu sehen. Drittens: Faust I, Seite 89 fortfolgende, auch "Kästchenszene" genannt, lässt sich auf vier Sätze zusammenstreichen: Schwül ist es, irgendwie. Mutter ist weg. Toller Mann. Ach, wir Armen. Und den Satz "Es ist so schwül, so dumpfig hie . . ." können die Zuschauer nach diesem Theaterbesuch garantiert auswendig. Das Chambinzky spielt "Gretchen 89 ff." - und das Publikum braucht Taschentücher für die Lachtränen.

Lutz Hübners "Gretchen 89 ff." ist ein Lehrstück über Theaterei. In lockerer Szenenfolge dekliniert der Autor an besagter Kästchenszene die Theatermenschen durch. Dramaturgin und Requisiteur, Regisseure und Schauspieler - "zwei von vorneherein natürliche Angstgegner". Joachim Beck und Christina von Golitschek dürfen ein halbes Dutzend Mal, mit immer neuen Macken und Marotten, die erste Soloszene des Gretchens proben.

Da ist der Regisseur. Der entweder ein alter Haudegen ist und nur von Breslau 1942, oder Bonn in den Fünfzigern schwärmt. Oder Schmerzensmann, der das Extrem sucht und Kette raucht. "Wichtig ist, du musst das fleischlich denken", fordert er von seinem Gretchen. "Das kotzt du den Abo-Schweinen richtig auf die Jacke."

Da ist der Bühnenkünstler, der empfindsame. Der über Kollegen genauso gerne lästert wie über Wischiwaschi-Kritiken. Kommt die Bühnenkünstlerin frisch von der Schauspielschule, hat sie noch Visionen, lockert vor jedem Satz die Kiefermuskeln und fällt gerne auf die Knie - "ich wollte das nur mal anbieten".

Hübners Text ist zum Quietschen komisch, Regisseurin Gwendolyn von Ambesser lässt die Zwei auf der Bühne theatralisch sein bis zur Unerträglichkeit. In "Gretchen 89ff." ist kein Klischee zu platt, kein Vorurteil zu blöd, als dass es nicht bestätigt werden könnte. Das Tourneepferd beispielsweise. Schmilzt dahin mit schönstem Schmäh, lässt Käthchen (!) Walzer tanzen und kieksen - und am Ende ist man froh, dass man "Faust" so nie sehen musste.

Die beiden Chambinzky-Schauspieler hüpfen virtuos von einem Stereotyp zum nächsten und sorgen dafür, dass es auf der Bühne alles wird, nur nicht schwül und dumpfig. Beim Freudianer wird das Kästchen zum Phallus-Symbol und ist sowieso eine blaue Mülltüte, aus der Gretchen Dominamaske und Peitsche zieht. Beim Streicher wird das Kästchen - gestrichen. Hält nur auf. Und "Gretchen 89ff."? Hat das Zeug zum Chambinzky-Klassiker.

Bis 15. März Mittwoch bis Sonn-
tag, 20 Uhr, Tel. (09 31)  5 12 12.

 
Von Alice Natter