Die Kästchenszene aus Faust I; es spricht Gretchen, S. 89 ff: »Es ist so schwül,
so dumpfig hie ...«. Generationen von
Bildungsbürgen wurden damit konfrontiert. Doch nicht nur grüblerische
Deutsch-Studien, auch Hunderte von Gretchen auf
der Bühne durchlitten die Pein einer stimmigen Deutung, von den Zuschauern, die
solche Versuche ansehen mussten, ganz
zu schweigen. Viele dieser Interpretationen, Auswüchse und Missgriffe führt auf
amüsante Weise Lutz Hübner in seiner
Komödie »Gretchen 89 ff« vor. Er nennt es ein »Theaterkabarett«.
Gwendolyn von Ambesser gelang damit in ihrer sehr witzigen Inszenierung im Würzburger Theater Chambinzky ein geistreich unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen und Geheimnisse des Schauspielbetriebs. So findet auch alles in einem reichlich abgeschabten Probesaal (Bühne: Sabine Hardt) statt, in dem in immer neuen Folgen Regisseur und Darstellerin aufeinander treffen, bis dann am Schluss die Geschlechter-Rollen aus feministisch-gefühliger Sicht getauscht werden - zur Bewusstwerdung - ja, von was? Eingeleitet wurden die Szenen, die in kurzen Spotlights die jeweilige Konstellation der Aufführungspraxis vorstellen, mit einem herrlichen Klischee: Ein »altdeutsches« Gretchen in Dirndl und mit blondem Zopf spielt so, wie es sich viele Traditionalisten wünschen.
Christina von Golitschek war dieses und alle weiteren Gretchen - mit Ausnahme natürlich der männlichen Verkörperung am Ende -, und sie bewies dabei eine bewundernswerte Wandlungsfähigkeit: Allein auf sich gestellt gegenüber einem Regisseur, der Gretchen »im Kaff« an der Schmerzgrenze des Irrsinns sieht, unter dem verständnislosen Würgegriff eines Regisseurs, der nur sich selbst gut findet und über die eigenen Erfolge monologisiert, als suchende Anfängerin ohne Selbstbewusstsein, aber mit Knieschonern, die sich ständig locker macht und das »es wird mir so, ich weiß nicht wie« so verinnerlicht, dass sie am Schluss in Tränen aufgelöst den Ort des Grauens verlässt. Sie ist auch eine Schauspielerin auf der Flucht vor den allseits grapschenden Händen eines Unterhaltungs-Regisseurs, der nur will, dass es lustig wird, befindet sich im Behauptungs-Kampf gegenüber einem alles streichenden und hinterfragenden Regisseur, schwebt herein als Diva im Pelzmantel, die dem hilflos unsicheren Regisseur eine Vorlesung über Faust hält, oder ist künstlerisches Opfer der Ideen eines modernen, sexbesessenen Regisseurs und wechselt schließlich die Seite als linke Dramaturgin in Flower-Power-Aufmachung, wenn sie Gretchen als Spielmaterial des Männlichen sieht. Christina von Golitschek gab all diese verschiedenen Figuren glaubhaft ohne jede Übertreibung, so dass man schmunzelnd mitleidet bei allem skurril Menschlich-Allzumenschlichen.
Ihr männlicher Gegenpart ist Joachim Beck, und der musste schon stärkere Komödiengeschütze auffahren, um die Lachmuskeln zu strapazieren. Schon zu Anfang wuselt er in gebückter Haltung und Arbeitsmantel als Requisiteur über die Bühne, von »Kunst« in keiner Weise angekränkelt. Als Regisseur läuft er dann zur Hochform auf; als alter, selbstverliebter »Haudegen« im Trachtenanzug, als wienerischer Lustmolch in weißem Sakko, als Freudianer mit Zopfperücke und Walkman schlüpfte er zum Vergnügen der Zuschauer in extreme Rollenprofile. Wenn er dann zum Schluss als männliches Gretchen ratlos sagt: »Ich weiß auch nicht ...«, dann amüsiert sich das Publikum köstlich, das in diesem geistreichen Stück so ganz nebenbei über Theaterprobleme informiert wurde. Jubelnder, langer Beifall nach der Premiere!
Renate Freyeisen