| 03.12.2004 16:08 | |
| Schutzengel einer lebensuntüchtigen Familie | |
| Würzburg Vogelstimmen, Urwaldgeräusche, ein opulentes
Wandgemälde an der linken Bühnenseite. Willkommen in den Tropen, genauer: in
Cayenne, Hauptstadt der Sträflingsinsel Französisch-Guayana. Auch dort wird
Weihnachten gefeiert. Zumindest im Stück "Sind wir keine Engel?", einem
Märchen für Erwachsene, das vom Würzburger Theater Chambinzky in der Vor-
und Nach-Weihnachtszeit gespielt wird.
Der Stoff ist durch zwei Verfilmungen - 1955 durch Michel Curtiz mit Humphrey Bogart und Peter Ustinov sowie 1989 durch Neil Jordan mit Robert de Niro - bekannt. Auch auf der Theaterbühne hat er seinen Reiz. Das liegt an der einmal mehr behutsamen Inszenierung von Gwendolyn von Ambesser und einer ideal besetzten, gut disponierten Darsteller-Riege. Norbert Straub und Brigitte Weber geben ein geschäfts-untüchtiges, gleichwohl sympathisches Ehepaar, dessen ganzer Stolz die attraktive Tochter Isabelle ist. Die gibt Katharina Ries mit jugendlicher Selbstverständlichkeit und gleichwohl differenziertem Spiel. Isabelle ist hoffnungslos verliebt in den geschniegelten Paul Cassagnon (Julian Freytag), der mit dem den Laden finanzierenden Onkel Trochard zum gefürchteten Kontrollbesuch der elterlichen Kolonialwaren-Handlung erwartet wird. Beste, aber immer zahlungsunfähige Kundin dieses Ladens ist die trinkfreudige Madame Parole, die von Brigitte Miebach-Schrader mit beachtenswerter Exaltiertheit dargestellt wird. Nicht nur die horrenden Außenstände und die schlampige Buchhaltung drohen die für den Weihnachtstag angekündigte Kontrolle zum Fiasko werden zu lassen - sondern vor allem die ruppige, militärische und von Geldgier getriebene Art des Onkels. Oskar Vogel spielt ihn mit schnörkelloser Klarheit und der Lebenserfahrung eines langjährigen Schulmeisters. Die leisen, heimlichen Stars der Inszenierung sind die Sträflinge Alfred (Csaba Béke), Jules (Achim Beck) und Joseph (Dietmar Modes). Sie sind eigentlich nur zur Reparatur des Daches ins Haus des Geschäftsmanns abgestellt, verstricken sich aber ganz allmählich immer tiefer in das Familien- und Wirtschaftsleben ihrer Auftraggeber. Sie entwickeln sich von geschmähten Verbrechern immer mehr zu Schutzengeln einer grundehrlichen, aber fast lebensuntüchtigen Familie. Den positiven Gesamteindruck vermochten auch die am Premierenabend ungewohnt vielen Versprecher und manche sprachliche Schludrigkeit kaum zu beeinträchtigen - der Applaus jedenfalls war überaus herzlich und lange. Noch bis 15. Januar, Karten unter |
|
| Von Manfred Kunz |

FOTO STEFAN POMPETZKI