Ohne Kitsch und Kindlichkeit
Premiere von "Sind wir keine Engel?" im Theater Chambinzky

 

Gerade ein Jahr liegt Felix Ducotels Neuanfang als Geschäftsmann in Französisch-Guayana zurück, und neuerlich scheint der Endpunkt erreicht. Ducotel (Norbert Straub), der sich selbst als ein großes Kind bezeichnet, hat wenig Geschäftssinn, gegen aufdringliche Kunden, die auf Pump kaufen, kann er sich nicht zur Wehr setzen, das Bücherführen ist ihm ein Graus, der Überblick über die Bestände und das abhanden Gekommene fehlt.

Am Weihnachtsabend zeichnet sich der abermalige Bankrott ab. Wie eng es wieder einmal ist, symbolisiert der aus Frankreich importierte Plastiktannenbaum. Ein mickriges Ding, den auch der ramponierte Christbaumputz aus Europa nicht aufwerten kann. Zu allem Überfluss trifft pünktlich zur geschäftlichen Endrunde Felix Ducotels der eigentliche Ladeneigner, Vetter Juste Trochard (Oskar Vogel), aus Frankreich ein.

Eine Katastrophe der Kapitalist mit seinem ausgeprägt autoritären Gehabe kennt keine Gnade, nur das Recht des Stärkeren. Trochard setzt rücksichtslos durch, was er will. Und was er sich vorstellt und durchsetzen will, betrifft beileibe nicht nur das angeschlagene Geschäft seines Vetters Felix. Endzeitstimmung wegen Juste ist in der im Jahr 1880 angesiedelten Komödie "Sind wir keine Engel?" auch bei Isabelle Ducotel angesagt, denn die erfährt, dass ihr Geliebter Paul, auf den sie fernab der Heimat Le Havre auf der Teufelsinsel Cayenne nun schon ein Jahr lang gewartet hat, von Onkel Juste mit einer anderen Frau verlobt wurde. Das Schreiben, in dem Juste Isabelles Eltern über das Verlobungsprojekt informiert, löst einen Ohnmachtsanfall aus. Isabelle trägt sich mit Selbstmordplänen und das ausgerechnet am Weihnachtsabend. Was mit der Situation Endstation so gar nicht weihnachtlich beginnt, entwickelt sich unter der Regie von Gwendolyn von Ambesser im Würzburger Theater Chambinzky zu einer turbulenten, witzigen Komödie, die inklusive Pause über zwei Stunden hinweg prächtig amüsiert.

Von Ambessers Inszenierung des Stücks "Sind wir keine Engel?" von Albert Husson, 1955 unter der Regie von Michael Curtiz unter anderem mit Humphrey Bogart und Peter Ustinov und 1989 unter der Regie von Neil Jordan unter anderem mit Robert de Niro verfilmt, wartet auf der von Sabine Hardt liebevoll ausgestatteten Chambinzky-Bühne mit tollen Schauspielern auf, so Brigitte Weber als resolute, energische Amelie Ducotel und Brigitte Miebach-Schrader in der Rolle der Madame Parole als enervierender, hysterischer, ständig aufgekratzter Kaufmannsschreck. Katharina Ries als in den komplett Falschen verliebte Tochter Isabelle Ducotel bezaubert durch selbstbewusste Sanftheit und Philanthropie.

Julian Freytag als arroganter Geck Paul Cassagnon gefällt in der Rolle als vom Onkel korrumpiertes Ekelpaket. Hervorragend auch die drei Engel im Sträflingsgewand, die sich voller Energie daran machen, den metertief im Schlamm steckenden Karren der Ducotels aus dem Dreck zu ziehen. Bereits bei den ersten Anzeichen der Familientragödie werfen sie symbolisch die Sträflingsmaske ab und verwandeln sich in menschenfreundlich gesinnte Kriseninterventionsexperten, clevere Manager und einfallsreiche Weihnachtsköche. Man kann einen Menschen nicht mit seinen Taten gleichsetzen, erklärt Engel Jules die wunderbare Verwandlung.

Das sehen die Ducotels, die sich anfangs noch ein wenig vor den Zwangsarbeitern fürchteten, denn auch gleich ein, flugs erfolgt die Einladung, en famille das Christfest zu feiern. Vor der Feier müssen jedoch erst einmal die drängendsten Familienprobleme beseitigt werden. Kein Problem für die drei Engel mit Sträflingsnummer. Dass sie dabei zu reichlich unorthodoxen Methoden greifen, liegt nicht nur in der Biographie der auf der Teufelsinsel inhaftierten Verbrecher begründet.

Ein Tyrann wie Juste Trochard fordert unkonventionelle Lösungen geradezu heraus. Auch sein Zögling Paul, geht jeder Zuschauer sofort daccord, hat letztlich kein anders Schicksal verdient wie sein unseliges Vorbild. Das gut eingespielte, sympathische Engelsteam Csaba Bke in der Rolle des Alfred, Joachim Beck in der Rolle des Jules und Dietmar Modes als Joseph macht Sind wir keine Engel erst eigentlich zum Zaubermärchen. Ein dickes Lob verdienen Schauspielcrew und Regisseurin vor allem dafür, dass sie mit der neuen, temporeichen Chambinzky-Produktion Märchenatmosphäre versprühen, ohne in Gefahr von Kitsch und Kindlichkeit zu geraten. Pat Christ

"Sind wir keine Engel?" steht noch bis 31. Dezember auf dem Spielplan des Würzburger Theater Chambinzky (Valentin-Becker-Straße 2). Gespielt wird mittwochs bis sonntags von 20 Uhr. Am Silvesterabend stehen zwei Vorstellungen um 18 und um 21 Ur auf dem Programm. Kartenreservierung unter Telefon 09 31 / 5 12 12.