Eine milde Form von Exhibitionismus 24.07.2002 16:00

Würzburg Ohne Enthusiasten, die viel Freizeit ins Theaterspielen stecken, sähe es in der Kulturszene der Region düster aus. Privattheater leben praktisch ausschließlich von Amateur-Mimen.

Ein Professor verbringt seine Freizeit als Schauspieler

Kurt Egreder ist einer der profiliertesten von ihnen. Derzeit steht er als Hauptmann von Köpenick auf der Freilicht-Bühne "Am Stein" des Würzburger Theaters Chambinzky. Der Fachhochschul-Professor widmet sich seit 1985 in seiner Freizeit aktiv dem Theater, ist also ein Alter Hase. Trotzdem fällt auch ihm eine so große Rolle nicht einfach zu.

 

Zeile für Zeile lernt er zu Hause den Text. Gattin Caroline Ward, früher selbst Amateur-Schauspielerin, hört ihn immer wieder ab. Dann kommen die Proben. Sieben Wochen, Tag für Tag. Und nach der Premiere zieht Egreder fünf Wochen lang insgesamt 30-mal die Uniform des Hauptmanns über.

Warum eigentlich?

Lust, sich darzustellen, eine milde Form des Exhibitionismus sei das schon, grübelt er. "Man muss Freude dran haben, dass die Leute einem zugucken", sagt er. Die hat offenbar schon immer in dem Vermessungstechniker geschlummert. Der gebürtige Rodgauer besuchte schon als Kind Theateraufführungen in Darmstadt und Frankfurt. Brauchte aber Jahrzehnte als reiner Theater-Konsument, bevor er selber eingreifen wollte. 37 war er, als er am Darmstädter Staatstheater nachfragte, ob er nicht mal hinter der Bühne verfolgen könne, wie ein Stück entsteht. Er hörte ein kategorisches Nein.

Das Glück kam ihm zu Hilfe. Zufällig wurden Statisten für die Komödie "Schneider Wibbel" gesucht - und schon stand Kurt Egreder auf der Bühne. Dann kam er zur "Hessischen Spielgemeinschaft". Dabei arbeiten Freizeit-Schauspieler mit Profis des Darmstädter Staatstheaters zusammen und bringen vorwiegend Komödie und Volksstücke heraus.

Als er die Professur an der Fachhochschule in Würzburg erhielt, war Egreder schnell beim Chambinzky dabei. In der Folge - genau: seit 1987 - war er als Professor Bömmel ("Die Feuerzangenbowle"), Gunderloch ("Der fröhliche Weinberg") oder als roter Bürgermeister Peppone zu sehen. Und es blieb nicht bei der Schauspielerei. Egreder dramatisierte Mark Twains Erzählung "Die Million-Pfund-Note", richtete "Das Wirtshaus im Spessart" für die Bühne ein. Dass er auch noch Bücher schreibt ("Die Nacht der Brückenheiligen") ist wieder eine andere Geschichte.

In seiner Paraderolle als "Braver Soldat Schwejk" könnte Kurt Egreder auch auswärts gastieren. Ein entsprechendes Angebot hätte er. So etwas reizt den Theatermann im Vermessungstechniker natürlich schon. Aber, gibt er zu bedenken, "ich habe hier einen Job und Familie". Denn eine Grenze gibt es bei aller Leidenschaft schon: "Wenn's eine zu große Belastung für's Privatleben wäre, würde ich die Schauspielerei sein lassen."

Der auffällige Schnurrbart des Hauptmann von Köpenick, mit dem Egreder derzeit Tag und Nacht leben muss, läuft wohl nicht unter "außergewöhnliche Belastung des Privatlebens". Eher unter: "außergewöhnliche Hingabe an ein Hobby". Ein bisschen ist die Manneszier wohl auch Tribut an den milden Exhibitionismus . . .
Von Ralph Heringlehner