Am Ende selbst der Trottel

»Dinner für Spinner« im Chambinzky-Theater Würzburg

Wer ist schon »normal«, und wer »spinnt«? Mit solchen Urteilen sollte man vorsichtig sein – das »Dinner für Spinner« von FrancisVeber zeigt auf höchst vergnügliche Weise, was passiert, wenn man einen einlädt, über dessen Marotten man sich lustig machen will; am Ende steht man selbst als Trottel da. Im Würzburger Theater Chambinzky durften die Zuschauer aber dennoch herzhaft lachen über die genussvoll komische Inszenierung von Gwendolyn von Ambesser. Den Figuren des Stücksjedoch verging der Reihe nach das Lachen.

Ausgelöst wird die Kette von witzigen Missverständnissen, Halb-Katastrophen und hilflos bemühten Rettungsversuchen von Pierre Brochant, der dem seltenen Hobby frönt, urige Sonderlinge zum Amüsement seiner Freunde einzuladen. Mit dem rührigen, naiven Finanzbeamten François Pignon, dem Bastler von Streichholzmodellen berühmter Bauten, nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Verleger Brochant, von einem Hexenschuss außer Gefecht gesetzt, kann dem Gast nicht mehr rechtzeitig absagen, und so betritt der übereifrige, überhöfliche, überkorrekte Mann mit der Aktentasche unterm Arm, in stetiger Bereitschaft, seine Fleißarbeiten im Foto zu zeigen und zu erläutern, den mit allerlei modernem Nippes dekorierten Salon (Ausstattung: Sabine Hardt).

Brochant kann das Unglück nicht mehr abwenden. Dietmar Modes gab den gehandicapten Gastgeber unglaublich realistisch von Schmerz gebeutelt und Rückgrat-verkrümmt. Man hatte richtig Mitleid mit ihm, wie er auf Boden, Couch und Sessel herumkroch. Da verzieh man ihm auch seine fast bösartige Behandlung nichts ahnender Spinner, auch wenn sie noch so geschwätzig, gutwillig, treu sorgend, sanft-freundlich herumwuseln wie die Nervensäge François im braunen Anzug oder in Küchenschürze. Joachim Beck ist in dieser Rolle wunderbar; sein heiterer Redefluss versiegt nur, wenn er den Genuss süßer Sachen zelebriert und sich dabei sein rundes Gesicht verklärt. Sonst aber verwirrt er mit trippelnden Schritten, Einsatz am Telefon, unermüdlicher Hilfsbereitschaft und praktischen Tipps alles.

Ähnlich schlimm, nur unangenehmer, weil hinterhältig ist sein Kollege, der Steuerprüfer Lucien Cheval; Imgomar Oehler-Bonnet frisst sich mit bedeutungsvollen Blicken durch ein Omelett, wobei ihm die mittlerweile kahl geräumte Wohnung des Verlegers Anlass zu misstrauischen Bemerkungen gibt – doch auch ihn trifft der Zorn des Schicksals über einen, der sich zu sicher fühlt. Ob Brochant, mittlerweileunterstützt von seinem Freund Juste (Gottfried Thoma), seine Frau (recht unterkühlt: Mo Marten) je wieder sieht, nachdem die flippige Marlene (ebenfalls, aber viel lebendiger exzentrisch: Mo Marten) auch noch mehr Verwirrungen erzeugt hat? Nachdem François Pignon sich liebenswerter Weise der Eheschwierigkeiten annehmen will, neigt man eher zu weiteren Befürchtungen … Viel jubelnder Beifall!

Renate Freyeisen