| Von einem gutmütigen Trottel | ||
Jeder kennt solche Typen: Sie sind bieder, langweilig und naiv, können nicht Nein sagen und tragen am Leib, was unserer Großmutter zu altmodisch wäre. Nicht wenige dieser Einsamen, Gemiedenen haben eine heimliche, schlimmer: unheimliche Leidenschaft. Von der sprechen sie bei jeder Gelegenheit und vor allem Leuten gegenüber, die davon gar nichts wissen wollen. Mitunter heißt es, schweres Geschütz aufzufahren, um sich ihrer Penetranz zu erwehren. So ein Typ ist der Finanzbeamte Francois Pignon aus der Komödie "Dinner für Spinner" von Francis Veber, die derzeit unter der Regie von Gwendolyn von Ambesser im Würzburger Theater Chambinzky zu sehen ist. Bieder steckt Pignon in einem stumpf braunen Anzug, die abgewetzte Aktentasche unter dem Arm lächelt er verlegen, er schaut ein wenig treudoof drein, ein wenig unterwürfig, und wenn er sich daneben benimmt, was oft passiert, so einer lässt kein Fettnäpfchen aus, gibt er sich, auf der Sofakante hockend, jungenhaft zerknirscht. Seine bestimmende Eigenschaft ist die, ein gutmütiger Trottel zu sein. In seiner Komödie "Dinner für Spinner" lässt Veber den von Achim Beck brillant gespielten Nobody Pignon in das designermöblierte, auf einen weiblichen Akt hin zentrierte, mit obligatorischer Hausbar, antiker und moderner Kunst ausstaffierte Wohnzimmer des reichen und berühmten Verlegers Pierre Brochant platzen. Dietmar Modes' Brochant ist das krasse Gegenteil des kreuzbraven Beamten - egoistisch, auf seinen Vorteil bedacht, sich in jedem Moment seiner Macht und also seiner selbst bewusst, gleichzeitig gnadenlos überheblich. Ein besonderer Spaß ist es ihm und seinen Freunden, beim dienstäglichen Dinner Idioten vorzuführen und sich auf deren Kosten zu amüsieren. Die ganze Sache wird prämiert - Sieger ist, wem es gelingt, den idiotischsten Idioten aufzugabeln. Brochants Gattin, Christine, findet diese Abende "abscheulich". Sie geben schließlich den Ausschlag, dass sie ihn verlässt. Christines Abneigung gegen das Spinner-Diner kümmert den Gatten zunächst wenig. Mit dem arglosen Zündholz-Miniaturkonstrukteur Pignon scheint Brochant der Sieg des Abends gewiss - Pignon ist für ihn ein Spinner erster Garde, er wird den Champion abgeben. Doch dann schießt es ihm in den Rücken, für diesen Abend kann er das Dinner vergessen. Pignon allerdings ist schon auf dem Weg zu ihm. Der unbeholfene, beflissene Trottel platzt in das kalkulierte Leben des gewandten Verlegers und sorgt für allerlei Verwicklungen. Die letztlich daraus resultieren, dass Pignon - was Beck wunderbar herausarbeitet - eine schillernde Figur ist. Er scheint kein besonders denkbegabtes Wesen zu sein, besitzt nicht den profitorientierten Scharfblick seines Gegenspielers Brochant, doch was ihm an intellektueller Stärke abgeht, macht er durch Einfühlungsvermögen wett. Das Ungewöhnlich an Pignon, das, was ihn zu beherrschen scheint und ihn zum Idioten prädestiniert, seine Leidenschaft, aus Zündhölzern Bauwerkskonstruktionen nachzubilden, spielt im Miteinander von ihm und Brochant bald nur noch eine Nebenrolle - der Typ Pignon entwickelt sich in Becks feinfühliger Rollenausgestaltung zu einem mitfühlenden, sich einfühlenden, mitleidenden Menschen, dieweil der von seiner Frau (Monique Marten in der Doppelrolle von Brochants Gattin und dessen "meschuggener Verflossenen" Marlene beweist Verwandlungsvermögen) verlassene Hexenschusskandidat Brochant während der rund zweistündigen Inszenierung zwar viel ächzt und stöhnt - was im ersten Teil bisweilen für Längen sorgt -, bäuchlings durch die Stube robbt und Mobiliar umwirft - womit er der eher bewegungsarmen Aufführung vor der Pause zu ein paar kinetischen Kicks verhilft; was im zweiten Teil nicht mehr nötig ist: der witzige Ingomar Oehler-Bonnet sorgt als Finanzprüfer Cheval für Tempo -, sich in emotionaler wie geistiger Hinsicht allerdings kaum von der Stelle bewegt. Unter Pignons Maske schillert es, die Gediegenheit bricht auf, wobei sich die Figur des Finanzbeamten dank Becks schauspielerischem Geschick in jedem Moment selbst treu bleibt. An diese Authentizität reicht Modes Brochant nicht heran. Im Programmheft des Pariser Théâtre des Variétés erläutert Gérad Lauzier, was ihn an einem Theaterstück vor allem interessiert: Das, was der Autor darin entwickelt. "Dinner für Spinner" ist lustig auf Grund der von Pignon verursachten Verwicklungen - und es besticht durch das, was Beck aus seiner Figur heraus entwickelt. Gleichermaßen motiviert der Schauspieler die Entwicklung des Verhältnisses zwischen ihm und Brochant, das, zumindest von Seiten das Finanzbeamten, ein immer intimeres wird. Dass die zwei nicht voneinander loskommen, liegt vor allem an Pignon. Gefühlsschwangeres vermag Beck von sich zu geben, ohne dabei rührselig zu wirken. So klingt es in keiner Weise aufgesetzt, wann er zu dem verlassenen Brochant tritt und sagt: "Ich fühle mit ganzem Herzen mit Ihnen!" Wenn am Ende Pignons Weltbild erschüttert wird, als er erfährt, dass er ursprünglich als Idiot ins Haus seines neu gewonnen Freundes geladen wurde, vermag Beck einen Grad an todtrauriger Verletztheit darzustellen, der in keinem Augenblick peinlich berührt. Dass am Ende die Tollpatschigkeit den Sieg davonzutragen scheint, hat nichts zu besagen - die Komödie ist dem Zuschauer eine Pointe schuldig. "Dinner für Spinner" ist noch bis zum 3. Februar im Theater Chambinzky (Valentin-Becker-Straße 2) zu sehen. Die nächsten Spieltermine sind: 5., 6., 9. bis 13., 16., 17. und 20. Januar jeweils um 20 Uhr. Karten unter Telefon 09 31 /5 12 62. Pat Christ |
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© Fränkische Nachrichten – 05.01.2002 |