Verrückte Alte mit Lockenwicklern
Ken Ludwigs Komödie »Cyrano in
Buffalo« im Würzburger Theater Chambinzky
Turbulenzen hoch drei sind angesagt in »Cyrano in Buffalo« im Würzburger Theater Chambinzky - einmal weil es eine äußerst spritzige Boulevardkomödie des amerikanischen Erfolgsautors und Oscar-Preisträgers Ken Ludwig ist mit allen möglichen Verwechslungen und Missverständnissen, dann weil es sich um Theater dreht, und die Akteure sich ständig im falschen Stück befinden, und schließlich weil in deren Privatleben Wetteransager, Eitelkeiten, Schwerhörigkeit und eklatante Partnerfehlgriffe zu chaotischen Verwicklungen führen.
Für die Regie von Gwendolyn von Ambesser
bedeutete dies: Tempo, Auftritte und Abgänge Schlag auf Schlag, selbst das
Unwahrscheinlichste mit todernster Miene zu absolvieren. Im Verlauf der Premiere
gelang dies immer besser, am Ende sogar vorzüglich.
Dass eine Boulevardkomödie auch wirklich erheitert, hängt nicht nur vom Timing,
sondern auch von einer passenden Besetzung ab. Gerade bei letzterer bewies die
Inszenierung ein glückliches Händchen. Auch das Bühnenbild von Sabine Hardt
stimmte: Es zeigt ganz realistisch einen bunt ausgestatteten Raum hinter der
Bühne mit vielen Ausgängen; die sind nötig bei der ständigen Suche nach
Personen, die entweder seelisch angeknackst, beleidigt oder betrunken oder nicht
auffindbar sind. Kurzzeitig wird auch die Kulisse zu einer gänzlich
verunglückten Aufführung geboten, in der das Chambinzky-Publikum ungewollt in
die Rolle der Zuschauer schlüpft und sich dabei herrlich darüber amüsiert, was
alles schief geht.
Der erste Grund der Irritationen und Katastrophen ist das Theater selbst und
darin Großmutter Ethel; auch sie wähnt sich wie Tochter Charlotte und
Schwiegersohn George noch auf der Höhe des - mittlerweile verblichenen -
Starruhms. Brigitte Weber schwebt als surreal groteske, komische und stocktaube
Alte mit Lockenwicklern und gepunkteter Hose vergnügt durch die Handlung der
Komödie. Wenn sie aber mal was versteht, zeigt sie bissige Schlagfertigkeit.
Dietmar Modes als gutmütiger George ist ganz in seine Mantel-und-Degen-Rolle als
Cyrano verliebt, wirbelt mit Federhut und Rüschenhemd mächtig herum, hat aber
deutlich die großen Zeiten eines Broadway-Stars hinter sich gelassen, schwelgt
nur noch in Erinnerungen: So verfällt ihm leicht die süße, aber sehr naive
Ensemble-Anfängerin Eileen (reizend unschuldig: Kathi Miebach), und er macht sie
zur Mutter.
In solch schwierigen Situationen tröstet ihn
der Alkohol, besonders als ihn seine Frau Charlotte wegen des zu erwartenden
Nachwuchses verlassen will. Brigitte Miebach-Schrader brillierte in dieser Rolle
dank ihrer Vielseitigkeit als attraktive Gesellschaftslöwin (im verunglückten
Stück »Intimitäten«), als Frau in den »besten Jahren« aufblühend durch die späte
Liebe von Rechtsanwalt Richard (freundlich-verständnisvoller Gentleman: Nico
Wolf), als temperamentvolle Schauspielerin, als eifersüchtige Ehegattin und als
von Alter und Einsamkeit bedrohte, von Trauer umflorte Frau.
Tochter Pia aber hat das ganze Theater mit dem Theater satt. Angela Waidmann
zeigte glaubhaft und natürlich ihr Hin- und Hergerissen-Sein zwischen dem
Schauspieler Paul, den Markus Stöppler als »Opfer« diverser Verwicklungen
zeichnete, und dem etwas dummen, in entscheidenden Momenten leider
sprachgestörten Fernsehwetterfrosch Howard, den Christian Voll amerikanisch laut
mit viel Einsatz gab.
Natürlich ist das Ganze eine Komödie über die Komödie des Theaters, und so
spielten unsichtbar auch einige Hollywood-Größen wie Frank Capra oder Spencer
Tracy mit. Wenn alle Paare zum Schluss doch noch in die richtigen Hände geraten,
ist das typisch Theater. Schön, wenn das Leben so spielen würde.
Renate Freyeisen