Chambinzky-Theaterleiter Rainer Maria Binz konnte es selbst
kaum fassen. Noch ehe die von ihm inszenierte
"Feuerzangenbowle" das erste Mal über die Bühne ging,
waren sämtliche Vorstellungen ausverkauft. Beinahe doppelt hätte
er jede der insgesamt 22 Aufführungen verkaufen können, so Binz.
Weitere Vorstellungen anzuhängen, ist nicht möglich - der
Chambinzky-Spielplan steht bis weit ins Frühjahr 2003 hinein.
Den zahlreichen Abgewiesenen, die nicht mehr rechtzeitig zum
Kartenergattern kamen, bleibt also nur, sich jetzt schon auf die
Wiederaufnahme zur nächstjährigen Vorweihnachtszeit zu freuen.
Das Stück um den Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer, der
niemals erfahren hat, wie es auf einer öffentlichen Lehranstalt
in einer lauschigen Kleinstadt zugeht, der niemals Lehrer hatte,
denen er Streiche spielen konnte, und auch keine Zimmerwirtin, die
über Moral und Anstand wacht, ist Nostalgie pur. "Die
Feuerzangenbowle" katapultiert zurück in eine Zeit, als
Lehrer noch ehrwürdige Autoritätspersonen und Schüler hitzköpfige
Lausbuben waren, als Pennen noch "Anstalten" heißen
durften, der Unterricht nicht allein der curricularen
Wissensvermittlung diente, sondern Moralpredigt und Belehrung war,
und noch kein Mensch etwas vom "hyperkinetischen
Syndrom" gehört hatte. Das Stück taucht ein in eine Zeit,
als Oberprimaner noch Krawatten trugen und alkoholselig in ihren
Studierbuden studentische Couplets zum Besten gaben und kein
Mensch auf die Idee kam, Pisa-Tester auf das Bildungssystem
anzusetzen. Dass am Ende die Illusion aufgehoben wird, tut gut -
natürlich gab es eine solch unbeschwerte Zeit nie, weshalb wir
mit dem schönen Gefühl aus dem Theater gehen können, in unserer
eigenen, sehr viel langweiligeren, sehr viel weniger heiteren
Schulzeit doch nicht allzu viel versäumt zu haben. "Die
Feuerzangenbowle" ist Eskapismus - im Trümmerjahr 1944, als
der liebenswürdig-harmlose Heinz Rühmann unter der Regie von
Helmut Weiß den nickelbebrillten Privatschüler Pfeiffer (mit
drei f) mimte, wie auch heute, wo wir uns vor Pisa-schwangeren
Katastrophenmeldungen aus dem Bildungssystem und überhaupt aus
der großen und kleinen Politik kaum noch retten können.
Humor und Witz statt Zynismus oder Ironie - zumindest in der
Vorweihnachtszeit darf das ruhig auch einmal sein. "Kultkomödie"
betitelte das Ensemble des Theater Chambinzky das rund zweistündige
"Loblied auf die Schule" nach dem gleichnamigen
Pauker-Roman von Heinrich Spoerl und Hans Reimann in seinem
Programmheft zurecht. "Die Feuerzangenbowle" ist
mindestens ebenso Kult wie "Hair" oder die "Rocky
Horror Picture Show". Sie lebt vom Wiedererkennungseffekt -
auch wenn wir genau wissen, welcher Gag jetzt kommt, müssen wir
lachen. Das komödiantische Talent des 14-köpfigen Ensembles, das
in den raffinierten Wandelkulissen von Sabine Hardt zwischen
Klassenzimmer- und Studierbudenszenen hin und her springt, ist
aber auch einfach zu köstlich. Unübertroffen das verrückte
Finale, als Bodo Kochs hervorragender Pfeiffer in die Rolle des
Lehrers Professor Crey (mit vollendeter Moralinsäure und verknöcherter,
kleinstädtisch-engherziger Borniertheit: Norbert Straub) schlüpft,
die Komödie innerhalb der Komödie auf Geheiß des Schuldirektors
Dr. Knauer (väterlich-streng: Helmut Mahsberg) zu Ende führen
muss, um den überraschend angekommenen Oberschulrat (würdevoll:
Uwe Hansen) zufrieden zu stellen, wobei er unversehens mit dem
richtigen Professor Crey zusammentrifft. Knauer sieht seine
Anstalt schon in den Abgrund gestoßen und für alle Zeiten
verdammt - da löst sich das Verwirrspiel durch Pfeiffers "Outing"
als berühmter Schriftsteller in Wohlgefallen auf und dem
Happy-Ende steht nichts mehr im Wege.
Pfeiffer bekommt Eva (zuckrig und mädchenhaft-naiv: Charlotte
Emigholz), die aus dramaturgischen Gründen in der
Chambinzky-Inszenierung nicht als Schülerin, sondern als
Musikreferendarin auftritt. Nicht weniger witzig jene Szene, als
die unablässig auf Streiche und Mutproben sinnende Schülerschaft
(Oliver Stettes als "Der lange Rosen", Csaba Béke als
"Knebel", Julian Miebach als "Der kleine Luck",
Stephan Ladnar als "Husemann", Moritz Hagemeyer als
"Melworm" und Markus Nickel als "Ackermann")
in der Chemiestunde ihrem völlig entsetzten Lehrer Crey ("Jäder
nor einen wänzgen Slock!") demonstrieren, welch fatale
Wirkung die "alkoholische Gärung" zeitigen kann.
Und selbstverständlich erntet auch Kurt Egreders Gemütspauker
Professor Bömmel, der einzige innerhalb des Anstaltskollegiums,
der sich durch gesunden Menschenverstand auszeichnet, in der
Vorpremiere reichlich Gekicher und Gelächter, als er "de
Dampfmaschin" erklärt. Pat Christ